Microsoft Kinect: Materialkosten nur 41 Euro – Skandal !?!

Microsoft Kinect für Xbox 360Die ganzen Berichte, ob Kinect nun gut ist oder nicht, habe ich meist nur zur Kenntnis genommen. Ich mache mir von solchen Sachen lieber selbst ein Bild und lasse mich da nicht von technischen Bedenken und Vermutungen (vor allem vor dem finalen Status und der offiziellen Verfügbarkeit) verrückt machen. Klar, 149 € sind kein Pappenstiel, aber für einen langjährigen Konsolenspieler auch kein Vermögen. Für uns hat sich die Investition auf jeden Fall gelohnt, wie wir hier schon kurz angedeutet haben.

Heute lese ich dann aber bei diversen renommierten Plattformen über den Bericht von EETimes / UBM TechInsights. Die Jungs haben den Kinect Sensor mal auseinander genommen und die reinen Materialkosten ermittelt. Sie kommen auf rund 56 US-Dollar, was derzeit ca. 41 € entspricht. Nun schreiben viele hierzulande ab und kommentieren, dass Microsoft hier richtig gut verdient und viel Luft hat. Manche Kommentare und Berichte gehen sogar noch weiter und behaupten, dass sich Microsoft mal wieder die Taschen richtig voll macht.

Entweder lesen die solche Berichte aus dem Ausland nicht vollständig oder haben keine Ahnung, wie so was wirklich funktioniert. Ich will jetzt bestimmt nicht zum Ausdruck bringen, dass Microsoft am Hungertuch nagt und ganz arm ist. Sicher gab es auch schon oft Hardware, die anfangs subventioniert wurde. Sprich, der Hersteller verdient daran nichts oder legt noch drauf. Gewinne werden dann später mit passenden Spielen, Zusatzdiensten und Zubehör gemacht. Der Gewinn an der Hardware steigert sich dann später, wenn die Produktion durch neue Hardware-Revisionen günstiger wird. So konnte man auch bei Microsoft sicher lange Zeit die Einzelpreise für deren Xbox 360-Festplatten zu recht kritisieren.

Was die meisten aber in ihren Berichten zu Kinect und den reinen Hardwarekosten völlig außer Acht lassen, sind die Entwicklungskosten. Microsoft hat nicht einfach mal für 41 € in China ein paar Chips bestellt, zusammengelötet und dann war Kinect fertig. Es gab mit Sicherheit lange Entwicklungsphasen, verworfene Ansätze und Prototyen usw. Dann muss alles geplant, getestet und finalisiert werden (Personalkosten). Die Software (Dashboard/Kinect Hub) muss entwickelt werden, damit das Ganze auch mit der Hardware zusammenspielt.

In dem Test ist auch keine Rede von Verpackung, Anleitung, Kabeln oder dem Spiel. Auch das fällt alles nicht so vom Himmel. Dann kommen Marketingaktionen hinzu, es müssen Partner gefunden werden für Spiele usw. Diese brauchen Entwicklerkits und Dokumentationen, um die Hardware zu unterstützen. Dann will ja auch der Handel daran verdienen und das ist aus meiner beruflichen Erfahrung auch nicht gerade wenig. Ein Media Markt, Saturn und amazon betreibt den Verkauf von Waren nicht als Hobby. Die Margen hier sind nicht zu unterschätzen. Auch Logistikkosten sind nicht zu unterschätzen, denn auch der Handel holt sich das Gerät nicht beim Produktionswerk im Ausland auf eigene Kosten ab.

Und wenn ein Gerät dann wirklich den Kunden für 149 € (oder weniger wie in unserem Fall / Angebot) erreicht hat, ist die der Gewinn auch noch nicht in der Tasche. Wir wollen Support, wenn irgendwas nicht klappt und natürlich kann trotz sorgfältigster Produktion auch mal ein Gerät defekt sein innerhalb der Garantiezeit. Wir wollen Updates und Erweiterungen, damit wir die Hardware noch besser nutzen können.

Was ist so schlimm daran, dass ein Hersteller an seinem Produkt auch was verdient? Würde er das nicht tun oder nicht über entsprechende “Überbrückungsmittel” verfügen, dann hätte die Hardware (kann man auch auf Software und viele andere Waren übertragen) sicher keine lange Lebensdauer. Wäre uns damit geholfen? Nein. Dann würden wieder alle schreien, dass der Hersteller nicht genügend für das Produkt und die Verbreitung getan hat.

In meiner Auszählung habe ich sicherlich noch etliche Kostenfaktoren vergessen. Leute wie Boris Schneider-Johne, der Produktmanager für die Xbox 360 in Deutschland,  könnten das Ganze sicher noch um viele Punkte erweitern.

Also für mich das alles andere als ein Skandal. Ich bin dankbar für Unternehmen, die Dinge wie Kinect oder generell Konsolen (um beim Thema zu bleiben – könnte man noch auf etliche andere Bereiche ausweiten) vorantreiben und dabei nicht unerhebliche Risiken in Kauf nehmen und immense Investitionen tätigen. Ich möchte heute kein Pong (als einzige Option) mehr spielen, auch wenn das heutzutage für wenige Euro herzustellen wäre. Sicher gibt es auch negative Beispiele wo unausgereifte Hardware, Spiele usw. dann zum überteuerten Preis an den Verbraucher gebracht werden sollen. Ich bin mir hier aber nach wenigen Tagen schon sicher, dass meine 130 € (Angebot) für Kinect gut investiert sind und auch der reguläre Preis hätte daran nichts geändert.

Es gibt wohl nur wenige Unternehmen, bei denen die Gewinnerzielungsabsicht hinten ansteht. Und die meisten von uns fänden es sicherlich auch nicht so toll, wenn das Gehalt gekürzt würde, damit die Kunden des eigenen Arbeitgebers weniger bezahlen müssten. Klar, man kann so ein Gesamtkonstrukt sicher nicht in so ein paar Zeilen detailliert “aufbröseln” und in Sachen Managergehälter usw. gibt es sicher auch noch berechtigte Kritikpunkte.

Im Endeffekt entscheidet der Verbraucher, ob der Preis für etwas in Ordnung ist oder nicht. Hier wird niemand gezwungen. Ein iPhone 4 (16 GB) hat auch “nur” Hardwarekosten von ca. 137 €. Da ist das Verhältnis zwischen reinen Hardwarekosten und offiziellem Verkaufspreis noch höher. Hier habe ich nicht so viel in Deutschland drüber gelesen.

Mein Geld in Microsoft Kinect ist gut investiert und mir ist klar, dass man als Early Adopter auch immer etwas mehr zahlen muss. Wem die 149 € zu viel sind, der kann warten oder einfach darauf verzichten. Wer immer noch an einen Skandal denkt, sollte sich mal überlegen, was er im Restaurant oder Kneipe für Getränke bezahlt. Und da sind die Zusatzkosten für Einkauf, Transport, Service, Miete, Personal usw. deutlich einfacher zu durchschauen. Und nicht alles, was ein Unternehmen oder das hier genannte Restaurant “serviert”, ist ein Erfolg. Hier kämen wir dann zum Thema Mischkalkulation und dann würde das Ganze an dieser Stelle zu weit führen. Deshalb beenden wir das Thema hier. Aber mich ärgern so oberflächlich recherchierte bzw. abgeschriebene Meldungen immer und das musste jetzt mal raus. Zwinkerndes Smiley Wer einfach nur wissen wollte, wie so ein Kinect Sensor von innen aussieht, findet hier bei ifixit.com alle Infos.

Autor: Guido

Im Alter von 9 Jahren begann alles mit dem ZX-81 und TI-99/4A. 1981/82 ging es teilweise parallel weiter mit dem Commodore VC-20 und C64. Letzterer konnte mich für viele Jahre in seinen Bann ziehen. Danach ging der übliche Weg - mit kurzen Umwegen über Schneider CPC, Amiga - zum PC (286er mit 5 1/4 Zoll Festplatte). Auch die erste Konsole war 1978/79 die Philips G7000. Auch gesurft wurde schon vor dem heutigen Internet mit Akustikkoppler oder Modem. Seit dem interessiert mich alles was mit Computer, Internet, Software, Konsolen, Betriebssystemen, Smartphones, Tablets usw. zu tun hat.

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4 Kommentare

  1. Die gute alte Mehrwertsteuer hab ich auch noch vergessen.

  2. Kinect ist was ganz neues.
    Kinect Funktioniert.
    Kinect macht Spaß.

    150€ für Kinect + Kinect Adventure sind voll in Ordnung.

    Aber wie Guido schon schrieb:

    Hier wird niemand gezwungen für Kinect Geld auszugeben.

  3. Nichts zu danken. Musste einfach mal raus 😉 Aber schön zu wissen, dass auch noch andere das realistisch betrachten.

  4. DANKE! Endlich mal einer, der sich auch Gedanken macht, was so ein Produkt im Detail bedeutet, anstatt gleich zu schreien, was für eine Sauerei das ist.

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